
Coburg wechselt bewusst zwischen niedrigschwelligen Formaten und großen Beteiligungsprojekten und macht damit aus einer einzelnen Plattform eine feste Gewohnheit für Verwaltung und Bürgerschaft.
Teilnehmende seit dem Start der Plattform 2022
Ideen im Green Deal Coburg 2030, dem ersten Großprojekt auf der Plattform
eine neue Blitzumfrage zu wechselnden Themen seit September 2025
| 17.000+Aufrufe der Plattform in den letzten 12 Monaten | 100+Teilnehmende in der ersten Phase der Spielplatzumfrage | 200+Teilnehmende in der zweiten Phase, als per QR-Code über die Spielgeräte abgestimmt wurde |

In Coburg lief Bürgerbeteiligung Gefahr, an einem sehr praktischen Problem zu scheitern: zu viele verschiedene Werkzeuge.
Die Stadt musste ohnehin fortlaufend Bürgerinnen und Bürger beteiligen, etwa bei der Bauleitplanung oder bei Ausschreibungen mit Beteiligungsauflage. Das Problem war nicht der fehlende Anlass, sondern die fehlende Kontinuität. Wenn jedes Projekt eine neue Oberfläche mitbrachte, an die sich die Menschen erst wieder gewöhnen mussten, verlor die Stadt unterwegs Teilnehmende, ganz unabhängig davon, wie relevant das jeweilige Thema war.
Dazu kam ein zweiter, kulturbedingter Faktor: OB Dominik Sauerteig, der als junger Oberbürgermeister schon zweimal wiedergewählt wurde und die Beteiligung von Beginn seiner Amtszeit an persönlich vorangetrieben hat, unter anderem mit eigenen Stadtteilspaziergängen. Diese politische Priorität musste sich aber erst in der Verwaltung selbst verankern, nicht nur als Software, sondern auch als Reflex bei den Amtsleitungen.
"Wenn wir dann immer andere Tools haben und die Menschen sich immer wieder neu an eine Oberfläche gewöhnen müssen, dann haben wir festgestellt, dass wir da ganz viele verlieren unterwegs."
— Karin Engelhardt, Büro Oberbürgermeister, Stadt Coburg
Karin Engelhardt, Hauptverantwortliche für Digitalisierung und Beteiligung in der Stadt Coburg, beschreibt einen einfachen, wiederholbaren Ablauf: Zuerst die Zielgruppe klären (wer soll beteiligt werden, von wem will man etwas wissen), dann das passende Format auswählen, das Ganze möglichst schnell testfertig aufsetzen und zuletzt aktiv in die Stadt tragen, per QR-Code, Plakat oder Stadtzeitung. Damit lässt sich sowohl ein kleines Umfrageformat als auch ein mehrmonatiges Großprojekt starten, ohne jedes Mal einen neuen Prozess zu erfinden.
Coburg unterscheidet dabei bewusst zwischen zwei Projektarten: niedrigschwellige Formate, die Reichweite aufbauen, und große Projekte, die politische Wirkung erzielen. Beide Ebenen laufen parallel und speisen sich gegenseitig.
Das Spielplatzprojekt zeigt das Prinzip am deutlichsten. Das Grünflächenamt wollte wissen, welche neuen Spielgeräte sich die Anwohnerschaft für einen bestehenden Spielplatz wünscht. Statt einer klassischen Vor-Ort-Befragung stellte Coburg die Umfrage bewusst unsichtbar für alle übrigen Nutzer:innen der Plattform und verlinkte sie ausschließlich über einen vor Ort ausgehängten QR-Code, gezielt an die Familien und Anwohner:innen, die den Spielplatz tatsächlich nutzen.

In der ersten Phase (rund zehn Fragen zu Geräteart und -wünschen) beteiligten sich über 100 Personen. Die Ergebnisse flossen direkt in die Leistungsbeschreibung der Ausschreibung ein. In der zweiten Phase, als die sieben Angebote der Anbieter als Bildauswahl zur Abstimmung standen, waren es über 200 Teilnehmende, bei einer Aufgabe, die nur einen Klick brauchte. Dieses Ergebnis war bereits vorab als Kriterium in die Vergabebewertung eingeplant.
Bei dieser Umfrage entschied sich Coburg bewusst gegen eine Login-Pflicht, um die mobile Hürde niedrig zu halten. Im Rückblick war Karin Engelhardt damit nicht ganz zufrieden, eine anonyme Beteiligung erschwert die spätere Auswertung. Aber dies sind natürlich Abwägungen, die getroffen werden müssen.
Seit September 2025 läuft außerdem monatlich eine kurze Blitzumfrage, oft gemeinsam mit dem jeweils fragenden Amt entwickelt (zum Beispiel zu Sporteinrichtungen oder zur Skateranlage), deren Ergebnisse direkt an das anfragende Amt zurückgespielt werden. Ein drittes Format, eine Verkehrskonsultation im Stadtteil Beiersdorf zu geplanten Maßnahmen für Fußgänger:innen und Radfahrer:innen, kombinierte Online-Feedback mit der Arbeit eines vor Ort aktiven Bürgervereins und wurde anschließend im Stadtrat vorgestellt.
Auf der anderen Seite stehen die großen, politisch sichtbaren Projekte. Der Green Deal Coburg 2030 war das erste große Projekt der Stadt auf der Plattform und sammelte 350 Ideen, die anschließend in Projektgruppen weiterbearbeitet wurden. Es folgten eine interaktive Hitzespotkarte im Rahmen der Klimafolgenanpassung (Bürger:innen markieren auf einer Karte, wo Hitze zum Problem wird, woraus unter anderem die ersten installierten Sonnensegel entstanden), ein Haushaltsplanspiel zum Schwimmbad Aquaria sowie eine Kulturstrategie mit externer Begleitung.
Das Aquaria-Planspiel verdient besondere Erwähnung: Ein vorab von Stadtrat und Fachplanung erarbeitetes Konzept zur Umverteilung von Mitteln zwischen Hallen- und Freibad war in der Bürgerschaft zunächst auf großen Widerstand gestoßen. Statt einer weiteren Präsentation ließ Coburg die Bürgerschaft selbst mit denselben validen Finanzdaten und Bausteinen planen, mit dem Effekt, dass sichtbar wurde, was tatsächlich finanzierbar ist. Das Ergebnis war eine deutlich sichtbare öffentliche Debatte, die es bis in die Presse schaffte.

Die auf der Hitzespotkarte gesammelten Hinweise führten bereits zur Installation der ersten Sonnensegel, während die nächste Beteiligungsphase zu weiteren Standorten läuft.
Mit monatlichen Blitzumfragen seit September 2025 und einem parallel laufenden Portfolio aus kleinen und großen Formaten ist die Plattform durchgehend aktiv, ohne die für Beteiligungsmüdigkeit typischen langen Pausen zwischen Großprojekten.
Das Aquaria-Planspiel hat die Diskussion um die Aufteilung der Schwimmbadmittel nicht vollständig gelöst, aber sichtbar zu einem besseren Verständnis in der Bürgerschaft beigetragen und dabei überregionale Presseaufmerksamkeit erzeugt.
Nach der Wiederwahl des Oberbürgermeisters gibt es bereits Pläne für weitere Beteiligungsformate.
Eine Beteiligungskultur sollte möglichst von der ganzen Verwaltung gelebt werden.
Rückmeldung darüber, was mit den Ergebnissen passiert, und eine klare nächste Phase verhindern das Gefühl, dass Beteiligung ins Leere läuft.
Auch analog gesammelte Ideen, etwa aus einem Briefkasten, gehören sichtbar auf dieselbe Plattform. Wer die Gesamtheit sieht, beteiligt sich eher selbst.


Coburg wechselt bewusst zwischen niedrigschwelligen Formaten und großen Beteiligungsprojekten und macht damit aus einer einzelnen Plattform eine feste Gewohnheit für Verwaltung und Bürgerschaft.

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