
Vor der gewaltigen Aufgabe, 250 Millionen US-Dollar aus dem Rams-Vergleichsfonds zu verteilen, starteten die Stadt St. Louis und der Board of Aldermen eine ehrgeizige digitale Beteiligungsstrategie, um die Einwohner*innen von Anfang an in die Mittelverwendung einzubeziehen.
Das Verfahren wurde zur größten Beteiligung der jüngeren Stadtgeschichte: 16.000 registrierte Nutzer*innen und 12.442 Stimmen zur Mittelverwendung.
Die Stadt sammelte über 3.500 Ideen aus der Einwohnerschaft und verdichtete sie zu 7 Schwerpunktbereichen für die Verwendung der Vergleichsmittel.
Die Plattform ermöglichte „Co-Gesetzgebung“: Einwohner*innen konnten Gesetzentwürfe (Board Bills) direkt kommentieren und annotieren und so die endgültige Entscheidung mitprägen.
Weil klassische Beteiligungsformate an Grenzen stoßen und digitale Technik längst zum Alltag gehört, suchte das städtische Team – geleitet von Yusuf Daneshyar (Secretary of Communications & Public Engagement) und Cristina Garmendia (Policy Director bei President Green) – eine digitale Beteiligungsplattform, die möglichst viele Menschen erreicht und zugleich belastbare Daten für Entscheidungen liefert.
Bevor wir zum Wie und Was kommen, ein Blick auf die Kernziele der Stadt St. Louis für die Bürgerbeteiligung:
Nachdem klar war, dass ein digitales Werkzeug für die Daten- und Ideensammlung Priorität haben sollte, prüfte das Team die Optionen. Erste Idee: eine eigene Plattform entwickeln. Sehr schnell zeigte sich, dass das zu aufwendig wäre. Nächste Überlegung: soziale Medien. Doch für ein so wichtiges Vorhaben wäre die Konkurrenz durch andere Inhalte zu groß gewesen, um die gewünschte ernsthafte Beteiligung zu erreichen. Also Beteiligungsplattformen – mit einem Dank an die IT-Abteilung im Rathaus von St. Louis, die CitizenLab empfahl.
Nach einem längeren Abwägungsprozess fiel die Wahl auf die Plattform von CitizenLab: wegen ihrer Benutzerfreundlichkeit und ihres intuitiven Aufbaus – sowohl für Einwohner*innen als auch für die Verwaltung, damit digitale Kompetenz keine Hürde für die Nutzung darstellt. Da die Plattform ein zusätzliches Werkzeug im Arbeitsalltag sein würde, waren einfache Bedienung und flexible Anpassbarkeit für Cristina entscheidend, die das Prozessdesign und die technische Einführung verantwortete. Hinzu kam die Begleitung beim Start – von Schulungen bis zum gemeinsamen Entwickeln von Beteiligungsmethoden – die St. Louis signalisierte: Das ist mehr als ein Produktkauf, das ist eine Partnerschaft.
„Uns war von Anfang an klar, dass wir nicht alles wissen werden. Und dass im Prozess Dinge auftauchen, bei denen wir Unterstützung brauchen. Deshalb wollten wir eine echte Partnerschaft – nicht einfach ein Produkt kaufen.“ – Yusuf Daneshyar
Dem Team war klar, dass eine Plattform allein kein Allheilmittel ist. Deshalb investierte es frühzeitig in internen Rückhalt, lange vor dem Launch. Dieses proaktive Vorgehen war entscheidend für den Aufbau einer Beteiligungskultur – und damit für den Erfolg des Vorhabens. Es ging nicht nur um ein neues Werkzeug, sondern um einen Haltungswandel in den Ämtern: Alle Beteiligten sollten verstehen, welches Potenzial öffentliche Beteiligung für die Zukunft der Stadt hat.
Als ämterübergreifendes Vorhaben mit Board of Aldermen, Comptroller’s Office und Mayor’s Office brauchte es mehr als Abstimmung: Es brauchte ein gemeinsames Zielbild. Dem Team war früh klar, dass der Aufbau dieser Beteiligungskultur ebenso sehr eine Frage gemeinsamer Ziele wie neuer Technik ist. Indem sie alle Beteiligten einband – darunter 14 Mandatsträger*innen – und die Plattform ausführlich vorstellte, zeigte Cristina Garmendia nicht nur deren Funktionen, sondern auch ihren Beitrag zu inklusiverer, transparenterer und effizienterer Beteiligung.
„Worin sich alle drei Ämter einig waren: Diese Mittel können für unsere Stadt verändern, wie sie in den nächsten 30 Jahren aussieht. Wenn sie zielgerichtet und mit Rückhalt aus der Stadtgesellschaft eingesetzt werden, können sie wirklich etwas bewirken. Es gab ein gemeinsames Verständnis dafür, dass wir dafür etwas anderes tun müssen, wenn wir wirklich verstehen wollen, was die Menschen in St. Louis wollen.“
Weil jedes Teammitglied die strategische Bedeutung und mögliche Wirkung des Vorhabens verstand, schuf das Team die Voraussetzung für einen informierteren, kooperativeren und lebendigeren Austausch zwischen Stadt und Einwohnerschaft. Diese Grundlagenarbeit an einer Beteiligungskultur ist ein entscheidender Schritt zu einem lebendigen, zukunftsgewandten St. Louis, das sich an den Bedarfen seiner Einwohner*innen ausrichtet.
Intern vorbereitet, konnte das Team nun die Beteiligungsplattform von St. Louis aufbauen und starten – mit derselben Sorgfalt, die schon in die Strategie geflossen war.

Beim Entwurf der Auftaktumfrage betonte Cristina, wie wichtig Aufrichtigkeit in der Beteiligung ist – und dass wirksame Beteiligung von der Genauigkeit und Absicht der gestellten Fragen abhängt. Sie und ihr Team formulierten gezielte, klare Fragen, die schnell produktive und ehrliche Antworten hervorbrachten (fast 3.000 Teilnehmende in zwei Monaten). Indem das Team mit Fragen nach den Herausforderungen des Alltags in St. Louis begann statt direkt nach der Mittelverwendung, ließen sich Kernthemen und Muster leichter erkennen. Das fördert zugleich dauerhafte Beteiligung und führt schrittweise zu komplexeren Fragen in späteren Phasen – etwa dem Zusammenführen von erkannten Problemen mit konkreten Lösungen.
Mit der Timeline-Funktion entwickelte das Team außerdem einen klaren Zeitplan, um den Stand des Vorhabens und alle Rückmeldungen in jedem Schritt transparent zu machen. Yusuf dazu: „Ich finde es nicht unbedingt fair zu erwarten, dass alle Einwohner*innen jede Information parat haben. Sie leben einfach ihr Leben. Deshalb ist es entscheidend, dass all das an einem Ort liegt, den sie zu ihrer eigenen Zeit aufrufen können – und sich so einbringen, wie es zu ihrem Alltag passt. Es liegt an uns, das aktuell zu halten und zu informieren.“

Diese Selbstverpflichtung zur Information schafft Transparenz und Vertrauen, weil sichtbar wird, wie Beiträge im Verfahren gewichtet und genutzt werden – oder eben nicht. Indem die Stadt zeigt, dass Beteiligung keine Einbahnstraße ist, und sich verpflichtet, auf Rückmeldungen zu reagieren, nutzt St. Louis dieses Vorhaben, um Vertrauen zurückzugewinnen.
Ein weiterer Baustein war eine breite Öffentlichkeitsarbeit, um möglichst viele Menschen auf die Plattform zu bringen. Dazu gehörte die Nutzung der eigenen Social-Media-Reichweite, um über Plattform und Verfahren zu informieren. Als kleines Kommunikationsteam arbeitete die Stadt zudem mit zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen, um bestehende Netzwerke zu nutzen und Menschen dort zu erreichen, wo sie ohnehin sind. Abgerundet wurde das durch eine Medienstrategie für einen wirkungsvollen Start. Ein Blick lohnt sich auf die Presseberichte zum Vorhaben.
Schließlich erkannte die Stadt, dass auch Menschen ohne digitale Routine einbezogen werden müssen – etwa über Papierfragebögen in öffentlichen Bibliotheken – und prüft weitere Wege, um ältere Einwohner*innen zu erreichen. Die gute Nachricht: Am Ende lassen sich alle Daten, auch aus der Beteiligung vor Ort, auf der Plattform zusammenführen und gemeinsam auswerten.
Mehr dazu, wie die Medien berichteten.
Der durchdachte Ansatz der Stadt St. Louis – nach innen wie nach außen – führte von Beginn an zu bemerkenswerter Beteiligung. Durch den gezielten Einsatz digitaler Werkzeuge und ehrliche, klar adressierte Ansprache hat die Stadt nicht nur den öffentlichen Input für die Verwendung erheblicher Mittel maximiert, sondern auch die Grundlage für eine inklusivere, reaktionsfähigere und vertrauenswürdigere Verwaltung gelegt. Tausende beteiligte Einwohner*innen und eine große Bandbreite an Ideen zeugen von einer engeren Bindung und mehr Vertrauen.
Yusufs Rat an Kolleg*innen in anderen Kommunen, die über Online-Beteiligung nachdenken? „Meint es ernst.“
„Wenn ihr eine solche digitale Strategie erwägt, müsst ihr es ernst meinen. Es darf kein Häkchen auf einer Liste sein. Wenn ihr Menschen bittet mitzumachen, muss danach auch wirklich etwas passieren.“
Update, 25. Februar 2025: Seit Erscheinen dieses Beitrags beteiligt die Stadt St. Louis ihre Einwohner*innen weiterhin erfolgreich an Entscheidungen zum Rams-Vergleichsfonds.
Nachdem die Ideen eingereicht waren, konnte über die Favoriten abgestimmt werden. Mehr als 12.000 Stimmen bestimmten die sechs wichtigsten Ausgabenprioritäten. Auf dieser Grundlage entwarf die Stadt eine Beschlussvorlage und legte sie den Einwohner*innen über die Go-Vocal-Plattform erneut vor – in einem Schritt, den sie „Co-Gesetzgebung“ nennt.
Yusuf sagt: „Es ist viel verlangt, dass Menschen sich Zeit nehmen und zu einer Aussschusssitzung kommen. Was uns an der Go-Vocal-Plattform gefällt: Wir können die Vorlage direkt einstellen, und die Leute können sie lesen und in ihrer eigenen Zeit kommentieren – auch vom Handy aus. Das macht ein öffentliches Verfahren noch zugänglicher.“
Und die wichtigsten Prioritäten der Einwohner*innen? Einige dürften überraschen. Welche es wurden – und wie die Stadt ihre Beteiligungsstrategie entwickelt hat – hören Sie in der aktuellen Folge unseres Podcasts Public Square.

Waddinxveen, eine Gemeinde in der Provinz Südholland, ist die am schnellsten wachsende Stadt der Niederlande und zählt heute fast 35.000 Einwohner*innen. 30 % von ihnen sind unter 25 Jahre alt, und bis 2050 wird dieser Anteil auf 40 % steigen. Dieser demografische Trend hat für die Gemeinde eine drängende Frage aufgeworfen: Wie bezieht man selbst die jüngsten Einwohner*innen in Entscheidungen über die Zukunft ein? Esther van Ellinkhuizen, Mitarbeiterin für Ratsangelegenheiten und Kinderbeteiligung, erklärt, wie sie das macht.
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In Rijswijk, einer Kommune mit rund 57.000 Einwohner*innen in Südholland, liegt ein Ort mit bemerkenswerter Geschichte. Am Hof van Sion entdeckten Archäolog*innen die Überreste eines Klosters aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Heute ist der Hof van Sion Teil von RijswijkBuiten, einem nachhaltigen neuen Stadtviertel. Als die Kommune dort einen neuen Gemeinschaftstreffpunkt schaffen wollte, fragte sie die Einwohner*innen, was sie sich wünschten. Diese teilten ihre Ideen online über eine interaktive Karte.

Amstelveen, direkt vor den Toren Amsterdams gelegen, arbeitet gemeinsam mit den Einwohner*innen an einer grüneren, einladenderen und inklusiveren Stadt. Über die Online-Beteiligungsplattform können Einwohner*innen langfristige Pläne für die Stadt mitgestalten, sich an der Planung neuer Stadtviertel beteiligen und Ideen für kleinere Verbesserungen einbringen, die im Alltag einen sichtbaren Unterschied machen.